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Emotionale Zahnheilkunde

Heutzutage geht es bei der Zahnheilkunde um viel mehr als die Füllung von Kavitäten oder den Ersatz fehlender Zähne mit Restaurationen. In unserer modernen Gesellschaft rückt die Zahnheilkunde zunehmend in den Fokus einer Vorstellung von Gesundheit, bei der auch Ästhetik eine Rolle spielt.

Di. 27. April 2021, 14:00 Uhr

Emotionale Zahnheilkunde

In Kombination mit plastischer Chirurgie oder anderen ästhetischen Behandlungen ist die sogenannte „ästhetische Zahnheilkunde“ ein äußerst effizientes Instrument, um Menschen zu einem schöneren Aussehen und damit zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen. Da wir die Begriffe „Ästhetik“ und „Wohlbefinden“ automatisch mit Emotionen assoziieren, wäre es treffender, die ästhetische Zahnheilkunde als „emotionale Zahnheilkunde“ zu bezeichnen.

Warum „emotionale Zahnheilkunde“?

Bei den meisten Behandlungen dauert es mehrere Wochen, bevor der Patient oder die Patientin das angestrebte Ergebnis zu sehen bekommt. In dieser Zeit spielen Emotionen bei der Behandlung eine große Rolle. Wir als Behandler müssen uns diese Mechanismen zunutze machen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen und damit den Behandlungserfolg zu sichern.

Es ist der schlimmste Albtraum jedes Behandlers, wenn ein Patient beim Einsetzen des ersten Provisoriums schier ausflippt.

Um das zu verhindern, müssen wir nicht nur darauf achten, dass die provisorische Versorgung auch ästhetisch etwas hermacht, sondern zusätzlich sicherstellen, dass das Einsetzen reibungslos verläuft. Alle erforderlichen Instrumente, Führungsschablonen und sonstigen Hilfen müssen griffbereit sein, um das Provisorium korrekt zu platzieren. Dazu muss der Ablauf minutiös geplant werden ‒ von der ersten Vorbehandlung bis hin zum finalen Ergebnis.

Anhand der folgenden Fallbeispiele möchte ich erläutern, wie eine umsichtige Planung zum Behandlungserfolg beitragen kann und die emotionale Belastung für den Patienten auf ein Minimum reduziert.

Erster Fall

Bei diesem Fall handelt es sich um ein 24-jähriges männliches Model, das sich in Kolumbien einer Behandlung unterzogen hatte, mit der sein Lächeln korrigiert werden sollte. Gemäß dem Behandlungsplan waren zehn Frontzähne im Oberkiefer minimal präpariert und anschließend mit direkten Kompositverblendungen versorgt worden. Wie auf den Fotos zu sehen ist, kann der Behandlungsstandard nicht den Ansprüchen eines 24-jährigen Models genügen, das sein Geld mit seinem Lächeln verdient.

Nach neun Monaten stellte sich der Mann einem meiner Kunden vor, mit dem ich ästhetische Rehabilitationen durchführe. Er erklärte, dass er mit seinen Zähnen nicht zufrieden sei, sondern im Gegenteil zutiefst frustriert und deprimiert, da er seit seiner Rückkehr aus Kolumbien sein Lächeln verbergen müsse.

Ich lud den Patienten in mein Labor ein, um erste Fotos anzufertigen, die wir zur Beurteilung der Ausgangssituation und zur Behandlungsplanung nutzen würden (Abb. 1‒4).

Wie unschwer zu erkennen ist, passen die Proportionen und Positionierungen überhaupt nicht zusammen, und auch die Zahnfarbe hatte sich der Patient anders vorgestellt.

Abb. 1 - Ausgangssituation des ersten Falls Abb. 1 - Ausgangssituation des ersten Falls
Abb. 2 - Ausgangssituation des ersten Falls Abb. 2 - Ausgangssituation des ersten Falls
Abb. 3 - Ausgangssituation des ersten Falls Abb. 3 - Ausgangssituation des ersten Falls
Abb. 4 - Ausgangssituation des ersten Falls Abb. 4 - Ausgangssituation des ersten Falls

Zunächst wurden das Smile Design und eine Beurteilung des Gebisses durchgeführt.

Die digitale Visualisierung des Behandlungsziels ermöglicht es Zahnarzt und Patient, eine Vorstellung vom endgültigen ästhetischen Ergebnis zu erhalten. Gleichzeitig dient sie uns Technikern während der gesamten Behandlung als Orientierung.

Nachdem der Patient das digitale Smile Design freigegeben hatte, wurde es mit einem 3D-Drucker ausgedruckt. Wir benötigten drei verschiedene Modelle: eines der Ausgangssituation, eines der digital entworfenen und angestrebten Restauration und ein Modell, in dem beide Situationen kombiniert waren. Das letzte Modell ist besonders wichtig, das es dem behandelnden Zahnarzt bei der Präparation der vorhandenen Zähne als visuelle Orientierung dient. Ich fertigte außerdem Silikonmatrizen des digitalen Modells der Restauration an. Eines dieser Modelle ließ ich unverändert, während ich das andere horizontal in zwei Teile schnitt. Diese Modelle würden bei der Präparation der Zähne als Schablonen dienen, sodass die Zähne exakt wie benötigt präpariert werden konnten.

In unserem Fall entschied sich das Behandlungsteam für 24 Kronen. Aufgrund der vorherigen Behandlung, bei der eine nicht schablonengeführte Präparation für eine Verblendung mit Komposit durchgeführt worden war, konnten keine minimalinvasiven Restaurationen zum Einsatz kommen.

Nachdem die Abdrücke, der Gesichtsbogen und die Bissregistrate im Labor eingetroffen waren, wurden mithilfe des Giroform Systems von Amann Girrbach Modelle gefertigt und im Artex CR Artikulator einartikuliert. Das ermöglichte es mir, alle Bewegungen des Patienten naturgetreu zu imitieren.

Der nächste Schritt bestand darin, alle Registrate (Abb. 6) mit dem Ceramill Map 400 Scanner zu erfassen und mit der Konstruktion zu beginnen. Bei der Planung können Okklusion und Funktion mit dem virtuellen Artikulator in der Ceramill Mind Konstruktionssoftware vollständig kontrolliert werden (Abb. 7). Für ein optimales ästhetisches Ergebnis entschieden wir uns für vollständig geschichtete Restaurationen. Um jedoch stabile und langlebige Kronen zu garantieren, wurde die Restauration mit einem minimalen Cut-back konzipiert, auf den ein Hauch von Verblendkeramik („Micro-Layering“) aufgetragen wird. Dazu wurde das Smile Design digital auf das Modell der Restauration gelegt und nur minimal reduziert, sodass die Kronen quasi eine Kopie des Smile Designs sind (Abb. 8).

Anschließend wurden die Kronen in der Ceramill Match 2 Software genestet, damit sie mit der Fräseinheit Ceramill Motion 2 (DNA Generation) aus Zolid HT+ Rohlingen gefräst werden konnten. Ich entschied mich für Zolid HT+, da die Farbe des Zahnstumpfes des Patienten eher im dunkleren Bereich lag und als endgültige Zahnfarbe OM1 angestrebt wurde.

Nach dem Fräsen wurden die Restaurationen über Nacht gesintert. Ich verwende normalerweise ein achtstündiges Übernachtprogramm, um die Belastung für das Zirkonoxid möglichst gering zu halten.

Am nächsten Tag wurden alle Stumpfkappen auf die Meistermodelle gesetzt und ich begann damit, in meiner eigenen Technik eine dünne Schicht GC ZrFs Porcelain aufzutragen. Nach dem ersten Biskuitbrand und vor der Glasur wurde ein Try-In durchgeführt, um Okklusion, Funktion und Ästhetik zu überprüfen. Tatsächlich waren noch letzte kleine Anpassungen nötig, bevor die Kronen mit dem Farb- und Glasurbrand fertiggestellt werden konnten.
Endlich hatte unser Patient sein wohlverdientes und langersehntes Lächeln zurück (Abb. 8‒9).

Abb. 5 - Gescannte Modelle Abb. 5 - Gescannte Modelle
Abb. 6 - Modell der Restauration Abb. 6 - Modell der Restauration
Abb. 7 - Kombination aus dem Modell der Restauration und dem vorherigen Smile Design Abb. 7 - Kombination aus dem Modell der Restauration und dem vorherigen Smile Design
Abb. 8 - Endergebnis des ersten Falls Abb. 8 - Endergebnis des ersten Falls
Abb. 9 - Endergebnis des ersten Falls Abb. 9 - Endergebnis des ersten Falls

Zweiter Fall

Mein zweiter Fall ist eine Kombination aus zahn- und implantatgetragener Versorgung. Die Patientin stellte sich mit einem unbezahnten Seitenzahnbereich im Oberkiefer vor. Dies hatte zu einer vollständig kollabierten Okklusion geführt (Abb. 10‒12). Aufgrund ihrer Angst vor Zahnärzten hatte die Patientin jegliche zahnärztliche Behandlung jahrelang aufgeschoben. Ihre aktuelle Zahnärztin hatte Jahre gebraucht, um das Vertrauen der Patientin so weit zu gewinnen, dass eine Behandlung begonnen werden konnte. In beiden Seitenzahnbereichen des Oberkiefers waren zuvor je zwei Implantate eingesetzt worden. Die über einen so langen Zeitraum kollabierte Okklusion hatte zu einer übermäßigen Abnutzung der unteren Frontzähne geführt.

Nach Beurteilung der Fotos der Patientin und einem persönlichen Gespräch mit ihr wurde entschieden, in mehreren Phasen eine Full-Mouth-Rehabilitation durchzuführen. Zunächst wurde ein Smile Design angefertigt. Auf dieser Grundlage entschieden wir uns dafür, die okklusale Sperrung um mehrere Millimeter zu öffnen, um genügend Platz für Verblendkeramik im Unterkiefer und für ausreichend große Kronen im Seitenzahnbereich zu schaffen. Bei den Frontzähnen im Oberkiefer entschieden wir uns für Kronen und in den Seitenzahnbereichen für dreigliedrige Implantatbrücken.

Da der Parodontologe für die Frontzähne im Unterkiefer eine Kronenverlängerung durchführen musste, begannen wir mit dem Oberkiefer. Gerade bei einer derart komplexen Behandlung ist es extrem wichtig, nicht den Überblick zu verlieren.

Deswegen nahm die Zahnärztin einen Abdruck auf Implantatniveau. Nach der Herstellung des Modells mit dem Giroform System wurden die Registrate mit dem Ceramill Map 400 Scanner erfasst und der Biss mit dem virtuellen Artikulator geöffnet, genauso wie mit dem darüber gelegten digitalem Smile Design. Nach den Schalenprovisorien für den Frontzahnbereich wurden zunächst die dreigliedrigen verschraubten Implantatbrücken entworfen.

Diese Vorgehensweise ist notwendig, um die Okklusion der Patientin vorsichtig zu öffnen, bevor die endgültigen Restaurationen hergestellt werden. Das digitale Modell wurde mit der Ceramill Motion 2 (DNA Generation) aus Ceramill Temp Multilayer gefräst.

Bei dieser Vorgehensweise können wir das Lächeln der Patienten mit der durchgeführten Öffnung der Okklusion in der Praxis beurteilen. Um eine Kombination aus Implantaten und Schalenprovisorien in einem Bogen einsetzen zu können, mussten wir Führungsschablonen anfertigen.

Ich entwarf einen Stent für das endgültige Modell der Provisorien, welcher der Zahnärztin helfen sollte, alles perfekt und mit der geplanten Okklusion einzusetzen.

Ein solcher Stent kann 3D-gedruckt oder gefräst werden. In diesem Fall wurde er mit dem 3D-Drucker gefertigt. Nach dem Fräsen der Implantatbrücken zementierte ich die Brücken auf dem Meistermodell auf Titanbasen (Variobase von Straumann), um eine perfekte passive Passung zu garantieren (Abb. 13‒14).

Nach Übergabe des Falls an die Zahnärztin konnte sie die Frontzähne im Oberkiefer mithilfe unserer ausgedruckten Modelle ‒ dem Modell des Smile Designs, dem Modell der Ausgangssituation und dem Modell, in dem das Smile Design auf die Ausgangssituation gelegt worden war ‒ präparieren. Beim Präparationsprotokoll konnte sie zudem alle gefertigten Matrizen als Schablonen nutzen (Abb. 15).

Im nächsten Schritt setzte sie zunächst die Implantatbrücken ein (Abb. 16), bevor sie die Schalenprovisorien in den 3D-gedruckten Stent setzte und sie auf den präparierten Stümpfen platzierte. Nachdem alles perfekt eingesetzt worden war, wurden bei dieser provisorischen Versorgung noch leichte okklusale Anpassungen vorgenommen (Abb. 17‒18).

Bevor wir mit den endgültigen Restaurationen im Ober- und Unterkiefer beginnen können, muss bei der Patientin noch die Kronenverlängerung durchgeführt werden.

Beide Behandlungen waren sehr emotional ‒ nicht nur für die Patienten, sondern für das gesamte Behandlungsteam.

Abb. 10 - Ausgangssituation des zweiten Falls Abb. 10 - Ausgangssituation des zweiten Falls
Abb. 11 - Ausgangssituation des zweiten Falls Abb. 11 - Ausgangssituation des zweiten Falls
Abb. 12 - Ausgangssituation des zweiten Falls Abb. 12 - Ausgangssituation des zweiten Falls
Abb. 13 - Gefräste Provisorien und gedruckte Führungsschablone

Abb. 13 - Gefräste Provisorien und gedruckte Führungsschablone
Abb. 14 - Gefräste Provisorien und gedruckte Führungsschablone Abb. 14 - Gefräste Provisorien und gedruckte Führungsschablone
Abb. 15 - Geführte Präparation im Frontzahnbereich Abb. 15 - Geführte Präparation im Frontzahnbereich
Abb. 16 - Eingesetzte provisorische Implantatbrücke Abb. 16 - Eingesetzte provisorische Implantatbrücke
Abb. 17 - Geführte Implantatinsertion im Frontzahnbereich Abb. 17 - Geführte Implantatinsertion im Frontzahnbereich
Abb. 18 - Geführte Platzierung der Brücke im Frontzahnbereich Abb. 18 - Geführte Platzierung der Brücke im Frontzahnbereich
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